Was tun mit…?

Haben wir systemtheoretisch-oder-wie-auch-immer inspirierten Personen hier irgendeine Ahnung, wie mit Phänomenen wie PEGIDA, Fundamentalismus (egal welcher Couleur) verantwortungsvoll umgegangen werden kann? Was tun, wenn diffuse Ängste und Unsicherheiten als sinnstiftend und stabilisierend in sozialen Systemen wirken? Was tun, wenn diese Ängste über die Anwendung von Gewalt oder über die Toleranz von Gewalt „bearbeitet“ werden? Wie kann mit derlei Perspektiven in Beziehung gegangen werden?

Ich kann hier erstmal auch nicht mehr formulieren als große Fragen. Einen Lösungsansatz bzw. ein Konzept im großen Stil gibt es (scheinbar) nicht. Passiert aktuell gesellschaftlich das, was in Supervisionen, Coachings, Beratungssettings auch immer wieder beobachtet werden kann? Tendenziell dogmatische Wertesysteme stehen Veränderungen ratlos gegenüber, streben umso mehr nach Permanenz, Identität wird als leere Phrase nur noch im „dagegen sein“ formuliert ohne sich selbst formulieren zu können…

 http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/pegida-und-sarrazin-sibylle-berg-ueber-nationalismus-a-1009276.html

11 thoughts on “Was tun mit…?

  1. Pegida – Versäumnisse auch bei der systemischen Sozialen Arbeit?

    Pegida bringt ja das Verhältnis von Subjekten und öffentlicher Kommunikation wieder auf die Tagesordnung. Die öffentlich wahrnehmbare (vermittelte) Kommunikation von Pegida ist widerlich und nicht hinnehmbar. Der moralische Widerspruch sollte aber nicht alles sein.
    Die selbstreflexiven Fragen der systemisch ausgerichteten Sozialen Arbeit könnten sich auf Folgendes beziehen:
    – reicht es, Mutblumen mit den Kindern der Klienten zu malen?
    – reicht es Antworten auf die soziale Lage im praktischen Format der Familie, der Trägerlogik zu suchen?
    – Wie hilft der systemische Ansatz der subjektiven, der widerspenstigen Sicht der Klienten zu öffentlicher Wahrnehmung?
    Ich finde, unsere Reflexionen sollten wir nicht am Format der Pegida Aktivisten und Unterstützer ausrichten.
    Wilfried Hosemann

  2. Mir ging es v.a. um die Frage, wie Soziale Arbeit mit fundamentalistisch verfassten Konstruktionen sinnigerweise verfahren und in deren Kontext wirken kann?

    Ich habe einmal zu einem Teilnehmer in einem Projekt, der sich zu nazistischem Gedankengut bekannt hat (inkl. Vorstrafen und Gefängnisaufenthalt wg. Körperverletzung und Landfriedensbruch, usw. ) und mir gegenüber auch damit kokettiert hat (wollte er den Sozialarbeiter damit schocken/testen?) gesagt, dass er meinetwegen denken kann was er will, schließlich leben wir in einem freien Land, solange er nichts illegales oder andere Personen schädigendes mache, ginge mich das erstmal nix an.

    Seitdem beschäftigt mich die offene Frage, ob das „genug“ war…

  3. Hallo Michael,

    wir verfolgen wohl zwei unterschiedliche Stränge in unseren Beiträgen. Wahrscheinlich haben sie aber gemeinsame Schnittmengen und arbeiten sich an Zusammenhängen ab.

    Ich glaube (unterstelle), dass es der systemischen Sozialen Arbeit an Mut fehlt, den Menschen, die rechtes oder Nazigedankengut präsentieren ebenso an den universellen Segnungen des Systemischen Ansatzes teilhaben zu lassen, wie andere Klienten.

    Ebenso bin ich der Überzeugung, dass die systemisch inspirierte Soziale Arbeit eine kommunikative Lücke im demokratischen Diskurs mit fatalen Folgen lässt. Sie knüpft weder an die Schätze der Tradition an (G. Bateson) noch an die aktuellen Chancen (Diskurse) Brücken zwischen einer Soziologie der Ungleichheit und der funkltionalen Differenzierung zu schlagen (siehe Roberto Dutra Torres: Funktionale Differenzierung, soziale Ungleichheit und Exklusion).

    Entrüstung über Pegida schafft zwar ein gutes Gefühl, aber was sonst?

    Wilfried Hosemann

    • Hallo Wilfried,
      da stimme ich Dir gerne zu!
      Mir fehlen allgemein die Betrachtungen, welche die aktuell allerorten aufploppenden Phänomene des Fundamentalismus in ihrer Logik annehmen und nachvollziehen – ohne diese zu bejahen oder gut zu finden. Die Schließungsmuster die sich nach der Differenz Zustimmung/Ablehnung im Kontext solcher Phänomene hüben wie drüben organisieren haben dabei m.E. schon beinahe die Qualität von Wahnsystemen.

  4. Hallo,

    Pegida und der Terrorakt in Frankreich können ja als Kommunikation gelesen werden, die sich explizit an „die Gesellschaft“ richtet.
    Weil man sich nicht „gehört fühlt“, in der Mainstream-Kommunkation nicht vorkommt, im allgemeinen Chor der Meldungen und der Ereignisse untergeht, fühlt man sich denen verbunden, die was machen und wahrgenommen werden (Pegida). Und entsprechend ist man bereit, da hin zu fahren und im Regen zu stehen. Weil man, verdammt noch mal, sonst eben nicht wahrgenommen wird.
    In Frankreich ist es vielleicht weiterführend, sich an schlagende Männer zu erinnern, die sich überflutet von Hilflosigkeit mit Schlägen Gehör verschaffen wollen.

    Anlässe darüber nach zu denken, ob ein systemsicher Ansatz, der im Format Person, Individualität denkt (das Individuum in den Mittelpunkt stellt), gibt es genug.
    Wir brauchen mehr denken in Richtung Kommunikation.

  5. Ich habe den Eindruck, die systemische Szene weicht in moralisches Richtiges aus.

    Was sind denn nun die Antworten auf die „heimlichen“ und „szeneoffenen“ Bejaher des Anschlages in Paris.
    Was passiert denn, wenn die „Montagsdemos“ nicht mehr so viel Aufmerksamkeit bekommen?

    Da Angehörige beider Gruppen längst Klienten der Sozialen Arbeit sind oder ganz schnell werden können, interessieren mich
    Erfahrungen, Antworten und Lösungsstrategien sehr.

    Beste Grüße
    Wilfried

    • Mich interessiert das auch…
      Ich befürchte zudem, dass die „systemische Szene“ auf der Interaktionsebene – dank zahlreicher Beratungsfort- und Weiterbildungen – auch wesentlich besser aufgestellt ist, als im Hinblick auf Kommunikation im Kontext von Organisationen und Gesellschaft. Gleichzeitig landet man bei allen Fragen der Intervention wieder bei der Interaktionsebene. Insofern erscheint es leicht, Organisation und Gesellschaft in der Reflexion im Hinblick auf die eigenen Möglichkeiten in der Interaktion zu vernachlässigen.

      Mir erscheint es jedenfalls so, als ob die Häufigkeit von Phänomenen extremer Positionen in den letzten 10 Jahren eher zu- als abgenommen hat. Und diese Verspannung bekommt man m.E. nicht locker, indem man sich mit banalen Gegenpositionen positioniert. Differenziertes pro und contra braucht Zeit, die man scheinbar nicht hat bzw. sich nicht gönnt.

  6. Hallo,
    fraglich finde ich auch, ob die moralischen Überhänge nicht dazu beitragen, darüber nach zu denken, was los ist und was man machen kann.
    Natürlich ist es preiswert darauf hin zu weisen, dass Moral nicht automatische Selbstreflexivität fördert, deshalb mein Vorschlag die Alternativen zu diskutieren, die erlauben, auf Gewalt (und Abschottung) weniger angewiesen zu sein.

    Wilfried

    • Womit ich wieder bei meinem Lieblingsthema Unsicherheit wäre. Der alte Affe Angst brüllt durch die Lande und lädt zu Abschottung und Gewalt ein. Es ist aber auch diffizil, mit ihm klar zu kommen…

  7. Verstehe ich das richtig: Das Angstgebrüll der Gebildeten hält die Pegida -Anhänger/Sympatisanten in Schach? Zum Teil wohl zu recht. Die Gefahr besteht also darin, mit dem eigenen Gebrüll die eigenen Ohren zu verstopfen?
    Wo sind denn die leisen Tönen zu hören, die erlauben, auch anderes wahrzunehmen? Wo kann ich zuhören?
    Wilfried

  8. Die leisen Töne sind bei dem Gebrüll schon schwer zu hören… Ich versuche, mich da meistens behutsam anzuschleichen – wobei das Anschleichen auch recht schnell von statten gehen kann. Man wird ja geübter mit den Jahren. Die leisen Töne drängeln sich nicht in den Vordergrund und suchen in der Regel Zuspruch durch das Ohr. Die leisen Töne verstecken sich auch gern im Lärm und wollen gefunden werden. Die leisen Töne bleiben gerne auch ungesagt.

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