Wag the dog?

Zwei Mönche betrachteten eine Fahne, die über dem Klostertor im Wind flatterte. „Die Fahne bewegt sich“, sagte der eine. „Nein“, erwiderte der zweite, „nicht die Fahne bewegt sich. Der Wind bewegt sie.“ In diesem Augenblick kam der sechste Patriarch vorbei. „Weder die Fahne bewegt sich“, sagte er, „noch der Wind. Eure Herzen bewegen sich!“ Da erschraken die Mönche.
(SPRÜCHE UND LEITSÄTZE DER ZEN-MEISTER 1995, 169)

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8 thoughts on “Wag the dog?

  1. Hallo,

    dachte ich mir schon, den alten Zenmeistern ist nicht zu trauen:

    1. Wieso mischt er sich ein?

    2. Warum baut er einen Unterschied zwischen Herzen und Wind plus Fahne auf und previligiert das Herz?

    3. Mit welchem Recht verwischt er den Unterschied zwischen Wind und Fahne?

    Und wie ging es eigentlich weiter? Hat er sich einfach vom Acker gemacht?

    Wilfried

  2. 😀
    Grundsätzlich würde ich erstmal niemandem trauen – am allerwenigsten mir selbst:
    Lesart 1: Die Mönche sind in der klassischen zweiwertigen Logik damit beschäftigt, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Da kommt Meister Luhmann vorbei und weist die Mönche darauf hin, wer denn eigentlich die Frage bzw. die Unterscheidung bewegt. Auf sich selbst zurückgeworfen erschrecken die Mönche.
    Lesart 2: Was erzeugt Bewegung? Geschieht diese aus sich heraus? Oder kommt sie durch eine Kraft von außen? Sind die Kraft, die die Fahne bewegt und die Kraft, die das Herz schlagen lässt, identisch oder verschieden? Wo ist Bewegung? Was ist Bewegung? Was ist Nicht-Bewegung?

    „Who´s a good boy?“

    Dôkô, ein buddhistischer Philosoph und Schüler des Vijnaptimâtra (absoluter Idealismus), kam zu einem Zen-Meister und fragte: „Mit welcher geistigen Haltung sollte einer sich in der Wahrheit üben?“ Der Zen-Meister antwortete: „Es gibt keinen Geist, der in Haltung zu bringen wäre, noch irgendeine Wahrheit, in der man sich üben könnte.“ „Wenn es keinen Geist gibt, der zu erziehen, noch eine Wahrheit, die zu üben wäre, warum hast du dann täglich eine Versammlung von Mönchen um dich, die Zen studieren und sich in der Wahrheit üben?“ Der Meister antwortete: „Ich habe nicht einen Zoll Raum zu vergeben, wo sollte ich eine Versammlung unterbringen? Ich habe keine Zunge, wie wäre es mir möglich, andere zu veranlassen, zu mir zu kommen?“

    Der Philosoph rief aus: „Wie kannst du mir eine solche Lüge ins Gesicht sagen?“ „Wenn ich keine Zunge habe, um andere zu unterweisen, wie wäre es mir möglich, eine Lüge auszusprechen?“ Worauf Dôkô verzweifelt ausrief: „ Ich kann Eurer Rede nicht folgen.“

    „Ich verstehe mich selbst ebensowenig“, schloß der Zen-Meister.
    (SUZUKI 2000, 77)

  3. Hallo,

    vielen Dank für ein Gespräch unter Leuten, die sich kaum (?) selbst verstehen.

    Mein Vorschlag, Meister Vijnaptimâtra kann beim Verstehen geholfen werden.
    Er treibt bloß die Idee auf die Spitze, dass die Erkenntnis von den Schülern selbst erstellt werden muss und er so in die paradoxe Situation kommt, sich selbst erkennen zu müssen (was ihm wohl auch nicht immer gelingt), wenn er hört, was er sagt. Da kann man nur gratulieren, komplett aus der Verantwortung verabschiedet und dem relationalen Denken den Stinkefinger gezeigt.

    Bin gespannt, was der nächste Zen-Meister sagt.

    Wilfried

  4. Immerhin redet er noch und referiert auf ein „ich“, d.h. so ganz hat er sich dann scheinbar doch noch nicht aus der Verantwortung und dem relationalen Denken verabschiedet. Dem Herrn sei es gedankt.

    Ich finde, die armen Zen-Meister haben es allgemein schon schwer. Wie kann denn eine Position endgültig vertreten werden, wenn keine Position endgültig vertreten werden kann? Und keine Position vertreten ist doch auch eine Position? Also was denn nun?

    So setzten sich die alten Meister dann gerne mal vor die weiße Wand und blieben dann da auch sitzen.
    Andere schauen dann lieber, wo in der Popkultur Referenzen zu finden sind und bemühen sich um Frieden:
    http://zenpeacemakers.org/dude-koan/?lang=de

  5. Hallo Michael,

    der Bezug auf ein ich – das ja praktisch ein Du voraussetzt – ist doch ein recht schwacher Sozialbezug. Meister Habermas meint: Personen werden auf dem Weg der Vergesellschaftung individuiert . „Richtige Abgrenzungen sind vielmehr das Ergebnis einer gemeinsam ausgeübten Selbstgesetzgebung“ (J. Habermas, Die Einbeziehung des Andern, 1999, S. 126). Er hat’s halt mit der Demokratie.

    Mein Mitleid mit den armen Zen-Meistern hält sich in Grenzen. Insbesondere wenn sie anderen eine Frage (Paradoxie) mit endgültigen Positionen aufbürden, obwohl sie wissen, dass es keine endgültigen Positionen geben kann.

    Danke für den Link, etwas irritierend, kannst Du eine klitzekleine Lesehilfe geben?

    Danke, Wilfried

  6. Hallo Wilfried,
    das mit der Lesehilfe scheint mir so eine Sache… Für mich hat es was mit dem hintergründigen Humor der Coen-Brüder zu tun, der sich wie ein roter Faden durch ihre Filme zieht. Unterm Strich kommt mir die ganze Zen-Nummer wie eine recht elaborierte Form vor, einander Witze zu erzählen. Ob diese dann als witzig empfunden werden… ist eine andere Geschichte.

    In diesen ganzen Kosmos aus Pointen fügen sich für mich u.a. Helge Schneider, Heinz von Foerster, Monty Python und Niklas Luhmann inklusive der notwendigen Ernsthaftigkeit mit ein.
    @12:37
    https://www.youtube.com/watch?v=qRSCKSPMuDc&list=PLBDA9BD215728778A

    Liebe Grüße
    Michael

  7. Hallo Michael,

    danke für die Antwort.

    Als Frage an die Zen-Meister würde ich gerne die Frage von. C. Menke (2015: 134) weiterleiten:
    „Wie kann die Reflexivität im Inneren der normativen Ordnung etabliert werden, ohne sie durch diese Verinnerlichung um ihre verändernde Kraft zu bringen?“

    Das scheint mir auch für die Soziale Arbeit interessant zu sein: Wie kann Reflexivität und kritischer Diskurs als Teil der Sozialen Arbeit etabliert werden, ohne dass daraus eitle, irrelevante Selbstbespielung wird?

    Als Blick über den Tellerrand empfiehlt sich m. E. zu den Themen Gesellschaft, Flüchtlinge usw. zur Zeit futurezwei: http://www.futurzwei.org/#index
    Da – siehe offene Gesellschaft – sind auch interessante Termine zu finden.

    Gruß
    Wilfried

  8. Hallo Wilfried,
    Danke für die Frage von Menke… sich genau darum zu drehen, erscheint mir doch sehr sinnvoll. Die Kunst besteht darin, eben konkrete Statements zu setzen bzw. Impulse anzubringen, die eben NICHT beliebig sind – und weiterführend.
    Humor scheint mir da immer wieder ein sehr nützliches weil hoch anschlussfähiges Vehikel.
    LG
    Michael

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